Die blutroten Tomaten der Rosalia Morales von Dietmar Schönherr
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Kurzbeschreibung
Es empfiehlt sich nicht zu lachen, wenn Rosalía den neuen Bürgermeister des Dorfes mit Tomaten bewirft. Man könnte wegen Beleidigung ins Gefängnis kommen. So geschieht es Chele, der sich und seinem Freund und Gefängniswärter Amado die Wartezeit bis zu Prozeß verkürzt. Wie in 1001 Nacht erzählt er jeden Tag eine Geschichte. Jedes dieser atmosphärisch dichten Bilder, komisch, traurig, absurd, melancholisch, zeigt eine Facette Nicaraguas - und eines Mannes, der dieses Land liebt und dennoch nicht versteht. Doch Rosalía und Amado haben viel Geduld mit dem begriffsstutzigen Fremden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe.
Auszug aus Die blutroten Tomaten der Rosalia Morales. Zweite erweiterte Liebeserklärung an eine unwirsche Geliebte. von Dietmar Schönherr. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Krieg begann pünktlich um 11 Uhr 37. Caccorro Chamorro hob die Hand zum Zeichen des Angriffs.
Da warf Rosalía Morales die erste Tomate. Sie war dunkelrot und für menschlichen
Verzehr nicht mehr geeignet. Klatsch machte es, und Caccorros ohnehin gerötetes
Gesicht war tomatenüberströmt, der rötlich-schleimige Saft tropfte auf sein
nicht mehr ganz sauberes Hemd. Er sah aus wie Sylvester Stallone nach
mehrstündiger Behandlung durch seinen Maskenbildner in einem seiner
publikumsträchtigen Hollywood-Melodrame - noch aufrecht stehend, aber vom
sicheren Heldentod gezeichnet. Stumm, aber mit einer Geste von pavarottihafter
Tragik, wischte er den Tomatenschleim von seinem haarlosen Schädel.
Es nützte nichts.
Rosalía traf zum zweiten Mal. Und dieses Mal war es ein Ei: Caccorro, eine
expressionistische Farbsinfonie in Technicolor.
Die Muchachos, seine Leibwächter, starteten den Gegenangriff. Caccorro war
immerhin der zwar nicht gewählte, aber doch vom Staatsminister der
Präsidentschaft juristisch korrekt ernannte Bürgermeister der Stadt, und
derartige Insubordinationen des Marktpersonals konnten nicht geduldet werden.
Es flogen in rascher Folge Eier, Tomaten, reife Mangos und überreife Papayas von
gewaltigem Umfang, denn nirgends auf der Welt sind die Papayas so groß wie im
Lande Sandinos. Caccorro hatte sich die Jacke über den Kopf gezogen und warf
blind.
Die Muchachos standen bis zu den Knöcheln in der farbenfrohen Pampe. Die
Marktfrauen kreischten in schier unerreichbarem Falsett, sie waren in der
Überzahl und die besseren Werfer. Außerdem benutzten sie ihre Verkaufstische als
Schilde, wie sie es im Fernsehen bei allen möglichen Polizeieinsätzen gesehen
hatten.
Um 11 Uhr 58 erklang die erste Polizeisirene, etwas asthmatisch, aber
unüberhörbar. Eine zweite, offenbar im Stimmbruch, gesellte sich dazu. Dann
waren's vier - ein heulendes Quartett von Martinshörnern, die in Nicaragua
natürlich nicht Martinshörner heißen, gemischt mit dem blechernen Gebimmel der
Mittagsglocken. Ein Ohrenschmaus für jeden Rundfunktonmeister, einzuordnen im
Archiv der Hörspielgeräusche, Rubrik: "Infernalischer Lärm".
Die Polizeifahrzeuge, ein Geschenk der RADA, Republica Democratica Alemana,
sprich: Ex-DDR, näherten sich dem Ort des Grauens mit größter Vorsicht. Ein
Wartburg blieb sogar in dem Tomatenglitsch stecken, die profillosen Reifen
drehten durch wie wild und schleuderten die glitschige Pampe auf die Partei des
Bürgermeisters, so daß auch die bisher Unversehrten mit sommersprossenartigen
Sprenkelungen übersät wurden.
Ein junger Polizist stieg aus dem Pannenauto, schlenderte gemächlichen Schrittes
auf den Bürgermeister zu, holte aus dem Hosenbund ein paar Handschellen -
Geschenk der RAFA, Republica Federal Alemana, sprich: Bundesrepublik - und legte
sie - klack - dem verblüfften Caccorro an. Atemlose Stille.
"Ich verhafte Sie, Señor Alcalde, wegen öffentlicher Ruhestörung und groben
Unfugs", sagte er laut und deutlich. Dann führte er Caccorro zu einem der
funktionstüchtigen Streifenwagen, schubste ihn auf die Rücksitze, knallte die
Tür zu und winkte dem Fahrer mit einer lässigen Handbewegung: "Vamos amigos"
oder auch "Ab durch die Mitte".
Das Polizeiauto mit Caccorro setzte sich langsam in Richtung Stadtgefängnis in
Bewegung. Die Marktfrauen klatschten emphatisch, und Rosalía plazierte noch eine
Abschiedstomate auf das Heckfenster der "Grünen Minna".
Kurze Zeit später kam ein Feuerwehrauto, Geschenk der URSS, sprich: Sowjetunion,
und spritzte die Straße, den Markt und die Aufrührer sauber.
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Im Polizeiauto sagte Caccorro, der Bürgermeister, zu dem jungen Polizisten, der
das Fahrzeug chauffierte: "Pepe, schau, wie ich aussehe, ich mach dir dein
ganzes Auto dreckig. Hinter der nächsten Straßenecke ist mein Haus. Laß mich
kurz raus, damit ich mich waschen und was Sauberes anziehen kann."
Pepe hielt an. Der Bürgermeister stieg aus und winkte dankbar zurück.
Er verschwand im Tor seines Hauses, schwere Riegel wurden hörbar vorgeschoben.
Caccorro war verschwunden und kam nicht wieder zum Vorschein.
Der Polizist Pepe, mit Nachnamen Ortega, wurde drei Tage eingesperrt. Wegen
Dummheit.
Nachdem sich die Kerkergitter hinter Pepe geschlossen hatten, geschah erst mal
gar nichts.
Fünf Minuten später rasselten Schlüssel, Stimmengewirr drang an Pepes dankbares
Ohr. Zwölf weitere Personen aus Caccorros Gefolge wurden in die unwirtliche
Zelle gestoßen, außerdem Doña Rosalía Morales und ich. So kam ich in ein
nicaraguanisches Gefängnis.
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